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Neue Mobilitätsoptionen – neue Herausforderungen

Prof Dr. Barbara Lenz
©_DLR

Ein Statement von Prof. Dr. Barbara Lenz, Direktorin Institut für Verkehrsforschung, Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt e.V. (DLR), Berlin, und Mitglied im Herausgebergremium von Internationales Verkehrswesen.

Mobilität ist zu einem viel beachteten Thema geworden – nicht zuletzt, weil neue Mobilitätsoptionen und -strukturen entstanden sind, die vor allem durch Digitalisierung ermöglicht wurden und in absehbarer Zeit durch Automatisierung weitere neue Entwicklungen erfahren werden. Dabei wird Mobilität in wachsendem Umfang zu einem Dienstleistungsprodukt, das in ständig neuen Konfigurationen angeboten wird, um bestehende Märkte zu sichern und zu erweitern und neue Märkte zu erschließen.

Die Vielfalt ist enorm, wenngleich sie sich (vorläufig) im Wesentlichen auf die großen Städte beschränkt: Carsharing – stationsbasiert oder flexibel, Leihfahrräder – konventionell oder elektrisch, stationsbasiert oder flexibel, für Personen oder für Lasten, dazu Leih-Scooter, Limousinenservices, und – im internationalen Umfeld – (Mit-) Fahrdienste wie Uber, LyFT oder Didi. Zur gleichen Zeit sind ÖPNV-Betreiber dabei, den Zugang zu ihrem klassischen Mobilitätsangebot durch digitale Informationen und Bezahlfunktionen zu verbessern, den bestehenden Betrieb um neue, flexibel nutzbare Dienstleistungen zu ergänzen und neuerdings auch, mit dem Einstieg in die Elektromobilität der großen Fahrzeuge auf der Straße zu beginnen.

Diese Veränderungen, die sowohl von privatwirtschaftlichen als auch von öffentlichen Unternehmen getrieben werden, gehen Hand in Hand mit Initiativen seitens der Städte, die mit dem Ausbau bestehender und dem Aufbau neuartiger intermodaler Infrastrukturen versuchen, nachhaltige Mobilität noch attraktiver zu machen. So entstehen derzeit in mittleren und großen Städten Deutschlands sogenannte Mobilitätshubs, die eine unkomplizierte Kombination unterschiedlicher Verkehrsmittel – (Elektro-)Fahrräder und (Elektro-)Autos im Sharing-Modus sowie öffentliche Verkehrsmittel – anbieten.

Obwohl das Angebot gerade in den großen Städten immer reichhaltiger wird, halten die Probleme an: Staus zu den Spitzenzeiten, zu viele Fahrzeuge im öffentlichen Raum, mangelnde Attraktivität des öffentlichen Verkehrs außerhalb der städtischen Kernbereiche wie im ländlichen Raum. Offensichtlich wirkt das 24/7-Mobilitätsversprechen des Autos nach wie vor. Gleichzeitig wachsen die Städte und ihr Umland, und damit teilen sich mehr Einwohner den nicht vermehrbaren Straßenraum.

Vor diesem Hintergrund wird sich nachhaltige Mobilität ohne den weiteren massiven Ausbau des öffentlichen Verkehrs kaum realisieren lassen. Die Herausforderung besteht dabei nicht in der Erhöhung der durchschnittlichen Auslastung, sondern in der Kapazitätserweiterung in den Spitzenzeiten. Dies würde gerade auch dann gelten, wenn der öffentliche Verkehr kostenfrei für die Nutzer würde. Im Rahmen der Diskussion um den kostenlosen ÖPNV konnte die DLR-Verkehrsforschung zeigen, dass die moderate Reduzierung von ca. zehn Prozent der PKW-Fahrzeugkilometer zu einem Anstieg der Anzahl an Fahrten des öffentlichen Verkehrs um rund 60 Prozent führen würde, in den Spitzenstunden sogar zur Verdoppelung der Nachfrage.

Die neuen Mobilitätsoptionen sind derzeit nur ein Tropfen auf den heißen Stein im urbanen Verkehrsgeschehen. Allerdings ist die Ausschöpfung ihres Potenzials wichtig für die Zukunft der Mobilität, was ohne den entsprechenden politisch-gesellschaftlichen Willen nicht machbar sein wird. Dabei wird es auch wichtig sein, bislang zu wenig beachtete Nutzergruppen zu adressieren, wie beispielsweise Seniorinnen und Senioren oder auch Eltern, Väter, Mütter, die mit Kindern unterwegs sind. Darüber hinaus wird ein wichtiger nächster Schritt darin bestehen müssen, neue integrierte Konzepte für weniger dicht besiedeltes Stadtgebiet und für den ländlichen Raum zu entwickeln, zu testen und zu implementieren.

Auch die aktuelle Ausgabe von Internationales Verkehrswesen ist geprägt von diesem weit gespannten Themenkreis – mit Beiträgen, die einen Ausgangspunkt für weiterreichende Fragestellungen von Wissenschaft und Praxis in einem dynamischen Feld bieten können. Hierzu wünsche ich den Leserinnen und Lesern eine anregende Lektüre.


Veröffentlicht in Internationales Verkehrswesen (70), Heft 4 | 2018