Das Magazin Politik: Standpunkt

Digitalisierung: Fluch oder Segen?

Univ.-Prof. Dr. Hans-Dietrich Haasis

Ein Statement von Univ.-Prof. Dr. Hans-Dietrich Haasis, Lehrstuhl für Maritime Wirtschaft und Logistik an der Universität Bremen, sowie Mitglied im Herausgeber-Gremium von Internationales Verkehrswesen

Digitalisierung ist in aller Munde. Experten erläutern deren Chancen für die Wirtschaft und für einzelne Unternehmen, Laien sind verblüfft über die erwarteten Veränderungen in der Zukunft. Aber was bedeutet Digitalisierung letztlich für die Unternehmen der Verkehrswirtschaft und der Logistik? Hier gehen, so zumindest meine Einschätzung, die Vorstellungen noch weit auseinander. Entsprechend gibt es Unternehmer, welche eher taktisch abwarten, andere wiederum versuchen, über einzelne Forschungsprojekte sich Wettbewerbschancen zu erarbeiten.

Eines ist allen bewusst: Digitalisierung, digitale Transformation oder digitaler Wandel ist mehr als nur die Nutzung von Smartphones und die Bereitstellung von Informationen und Kommunikationsmöglichkeiten über das Internet. Digitalisierung wird unser Leben, unser Zusammenleben und unser Wirtschaften verändern.

Durch die digitale Transformation werden die Kundin und der Bürger, ihr Einkaufsverhalten, ihr Mobilitätsverhalten und seine Kommunikationsgewohnheiten über die durch sie und ihn bereitgestellten Daten zunehmend ins Zentrum der Betrachtung gerückt. Big-Data-Analysemethoden werden diese Datenmengen nach Mustern durchsuchen und uns individualisierte Produkt- und Dienstleistungsangebote zusammenstellen. An die Stelle einer getakteten Planung und Steuerung von Produktion und Logistikdienstleistung rückt die Bereitstellung auf Abruf bzw. „on demand“ – etwa über eine digitale Service Mall in der Cloud. Prozesse steuern vernetzte autonome Systeme, beispielsweise auch Transport- und Umschlagsysteme, durch Interaktion zunehmend selbst.

Vor genau 40 Jahren, also zu Beginn meines Studiums, erschien die deutsche Fassung des Buches „Die Macht der Computer und die Ohnmacht der Vernunft“ von Joseph Weizenbaum. Der Computerpionier fokussiert in diesem Buch bei aller Bewunderung für die technischen Möglichkeiten unter anderem auf die Selbstbestimmung des Menschen gegenüber technischen Entwicklungen, auf den menschlichen Verstand und auf den politischen Willen, auch ethisch begründete Ansprüche bei der Realisierung und im Umgang mit diesen Entwicklungen zu berücksichtigen. Sind diese Aspekte nicht auch heute mehr denn in unser Bewusstsein zu rücken?

Digitalisierung wird ohne Zweifel helfen, unsere Lebensqualität zu erhöhen, Wirtschaftsprozesse zu verbessern und Dienstleistungsangebote zu individualisieren. Wirtschaftliche Effizienzpotentiale bei logistischen und transportwirtschaftlichen Produkten können erschlossen werden. Gleichwohl führen neue Informationsbereitstellungs- und Geschäftsmodelle auch zu neuen Akteurskonstellationen, bei denen die bisher üblichen Kooperationsarrangements nicht notwendigerweise mehr aufrechterhalten werden müssen. Sie werden vielmehr etwa durch Plattformlösungen und in die Cloud ausgelagerte nachfragegetriebene Prozesse ersetzt. Software übernimmt die Aufgaben der Disponenten. Logistische Dienstleistungen können von neuen Anbietern digitaler Infrastrukturen, von Kommunikationsunternehmen oder von Informationsanbietern bereitgestellt und betrieben werden. In diesem Zusammenhang sind zumindest mittelfristig Marktverschiebungen und Fragen der Marktbeeinflussung kritisch zu beobachten, zu analysieren und zu hinterfragen.

Nicht zuletzt ergeben sich Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt, auf die Anforderungen an die Berufsausbildung und auf die psychischen Herausforderungen bei der Kommunikation zwischen Mensch und digitalem System.

Dennoch: Lassen Sie uns die Chancen der Digitalisierung aufgreifen, unsere Geschäftsmodelle und unsere Prozesse überdenken, um so durch die Auseinandersetzung mit dieser Entwicklung voneinander und miteinander zu lernen und diejenigen Innovationen zu nutzen, welche unser Leben und unser Miteinander erleichtern. Ich wünsche Ihnen hierzu viele gute Ideen, und natürlich viel Freude beim Lesen dieser Ausgabe von Internationales Verkehrswesen.


Veröffentlicht in Internationales Verkehrswesen (70), Heft 1 | 2018